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Damals war's: Auswärtssieg beim FCB

1977 gewannen die Herthaner das bisher letzte Mal beim FC Bayern.

Berlin - In der mehr als 120-jährigen Vereinsgeschichte erinnern sich die Herthaner an viele große Spiele – viele Siege gegen den FC Bayern München sind allerdings nicht darunter. Der letzte Auswärtserfolg gegen die Bayern liegt nun mehr als 38 Jahre zurück.

Vorgeschichte: Als Tabellenvierzehnter ging es für die Berliner am 29. Oktober 1977 ins Olympiastadion nach München, wo sie auf den zehntplatzierten FC Bayern trafen. Die Hinrunde war anfänglich nicht nach den Vorstellungen der Blau-Weißen gelaufen: Nur vier Siege aus den ersten zwölf Partien standen zu Buche. Doch die Hauptstädter ließen sich nicht unterkriegen, gewannen die letzten beiden Pflichtspiele vor der Partie gegen die Münchner.

Spielverlauf: Beide Trainer - Kuno Klötzer auf Seiten der Herthaner und Dettmar Cramer bei den Bayern - boten für die Partie am 13. Spieltag der Saison 1977/78 die bestmöglichen Teams auf. Bei den Bayern stand auch der leicht angeschlagene Stürmer Gerd Müller in der Startformation, der noch mit einer Schulterverletzung kämpfte.

Die Berliner trafen in München auf einen ungewohnt nervösen Gegner, der trotz Feldüberlegenheit besonders in der ersten Halbzeit viel zu wenig in der Offensive zustande brachte. Das lag nicht zuletzt daran, dass mit Hoeneß und Müller zwei wichtige Säulen im Spiel der Bayern von der Berliner Abwehr quasi abgemeldet wurden und sich so kaum Chancen herausspielen konnten. Dazu kam ein auf Seiten der Blau-Weißen stark aufspielender Kristensen, der schwer vom Ball zu trennen war und immer wieder Lücken in der Münchner Abwehr fand. All das führte zu Frustration bei den Münchner Spielern, die sich immer öfter beim Schiedsrichter Dr. Stäglich beschwerten. Besonders Gerd Müller fühlte sich um einen Elfmeter betrogen, der ihm aber zu Recht verwehrt blieb, und beklagte sich lautstark beim Unparteiischen. Das Münchner Publikum wurde ebenfalls unruhig, so dass es zu folgender ungewöhnlichen Durchsage des Stadionsprechers kam: "Wir bitten Sie, den Schiedsrichter nicht zu beleidigen!"

Das erste echte Highlight in der ersten Spielhälfte war der 1:0-Führungstreffer von Gerhard Grau in der 29. Minute. Bei einem Gegenangriff wechselten die Herthaner geschickt vom linken auf den rechten Flügel, wo Hans Weiner den Ball bis auf die Grundlinie trieb, ihn dann vor das Tor zog und Grau nur noch einschieben musste. Es war Graus erster Treffer der Saison 1977/78. In der zweiten Halbzeit vergaben die Blau-Weißen zunächst die Möglichkeiten für ein zweites Tor. Sidkas Kopfball ging nach einer Ecke von Grau nur knapp am Pfosten vorbei (53.), der Schuss von Gerhard Grau in derselben Spielminute traf lediglich das Außennetz.

Doch auch die Münchener drehten auf. Besonders Libero Rausch schaltete sich immer öfter in das Spielgeschehen ein und verschoss einen gut ausgespielten Angriff nur um wenige Zentimeter (63.). Ebenso sorgten Rummenigge und Roth für weitere Gefahrenmomente vor dem Tor von Norbert Nigbur. Besonders die überragende Hertha-Defensive um Kliemann und Weiner klärte das eine ums andere Mal brenzlige Situationen im Herthaner Strafraum. 20 Minuten vor Schluss brachte Klötzer Bernd Gersorff für den Torschützen Grau und bewies damit ein goldenes Händchen.

Die letzte Viertelstunde der Partie gehörte ganz den Berlinern. In der 78. Minute erzielte Ete Beer ein Abseitstor, nur zwei Minuten später traf Bernd Gersdorff das Außennetz. Drei Minuten vor Schluss hebelte dann Gersdorff im Zusammenspiel mit Kristensen die Bayern-Abwehr aus und erzielte aus spitzem Winkel das 2:0 für die Herthaner. Die endgültige Entscheidung war gefallen, die nach 6:1 Torschüssen für die Berliner durchaus verdient war.

Historische Einordnung: Von einem Sieg der Herthaner auswärts in München konnte vor dem Spiel niemand ausgehen. Der letzte Auswärterfolg der Berliner in München lag zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre zurück. Die Mannschaft von Trainer Kuno Klötzer war darüber hinaus eher durchwachsen in die Saison gestartet, so dass die Presse den Sieg über den amtierenden Weltcup-Sieger wohl nicht ohne Grund als 'Wunder' bezeichnete. Mit dem Sieg zog Hertha BSC in der Bundesliga-Tabelle um einen Platz an Bayern München vorbei und belegten nach dem 13. Spieltag Rang zwölf. Am Ende der Saison reichte es bei den Berlinern sogar für Rang drei.

Stimmen zum Spiel:
"Bei einer so massierten und kopfballstarken Abwehr darf man nicht dauernd Flanken schlagen, sondern muss sie umgehen, ihr in den Rücken fallen. Aber das haben unsere Stürmer nicht geschafft. Auch wegen des guten Stellungsspiels von Weiner und Sziedat." (Dettmar Cramer – Trainer vom FC Bayern München – nach dem Spiel)

"Es war unser bestes Saisonspiel. Wir haben bewiesen, dass wir jeden schlagen können. Ich lobe pauschal die gesamte Mannschaft, speziell aber Kristensen machte eine Super-Partie!" (Kuno Klötzer – Trainer Hertha BSC – zur Leistung der Mannschaft und besonders Flügelspieler Kristensen)

Das Spiel im Stenogramm:
Termin:
29. Oktober 1977, Samstag, 15.30 Uhr
Wettbewerb: 1. Bundesliga, Saison 1977/78, 13. Spieltag

Aufstellungen:
FC Bayern München:
Sepp Maier – Kurt Niedermayer, Wolfgang Rausch, Georg Schwarzenbeck, Peter Gruber – Bernd Dürnberger, Klaus Augenthaler, Branko Oblak (75.,Franz  Roth) – Ulrich Hoeneß (75., Rainer Künkel), Gerd Müller, Karl-Heinz Rummenigge
Hertha BSC: Norbert Nigbur – Michael Sziedat, Uwe Kliemann, Holger Brück, Hans Weiner – Dieter Nüssing, Wolfgang Sidka, Erich Beer, Jörgen Kristensen – Karl-Heinz Granitza, Gerhard Grau (69., Bernd Gersdorff)
Tore: 0:1 Gerhard Grau (29.) , 0:2 Bernd Gersdorff (89.)
Gelbe Karte: Branko Oblak

Schiedsrichter: Dr. Dieter Stäglich (Bonn)
Spielort: Olympiastadion, München
Zuschauer: 18.000

(jj/dpa)